2. Gang — 20–23 min

Die Beichte des Beichtenden

Dramatis Personae

HARALD — Gastgeber. Wie immer. Anzug, kein Einstecktuch, Espresso (heute lauwarm — hat zu viel gelesen). Hat heute das Paper gelesen. Nicht ganz. Aber genug. Genug ist immer mehr, als man denkt.

KURT — Gast. Zweite Episode. Sollte jetzt vorbereitet sein. Ist es nicht. Hat das Paper geschrieben — und das ist heute das Problem.

Szene

Bühne. Gleiches Setting wie Episode 1. Zwei Sessel, kleiner Tisch dazwischen. Aber heute liegt etwas Neues auf dem Tisch: ein gedrucktes Paper, dick, mit zahllosen gelben und roten Klebezetteln. Daneben der Espresso. Der Laptop ist heute zu — Kurt hat verstanden, dass Harald ihn ohnehin verachtet.

Beim Aufgehen des Lichts: Harald liest. Tatsächlich liest. Stirn gerunzelt. Hat einen Bleistift in der Hand und macht eine Markierung. Das dauert. Das ist die Eröffnung: Harald liest, und das Publikum schaut zu. Sieben Sekunden. Acht. Kurt kommt rein. Setzt sich. Wartet. Harald liest weiter. Macht noch eine Markierung. Schließlich legt er das Paper hin — aber offen, mit dem Daumen an der Stelle, an der er war.


HARALD: (zum Publikum, ohne Kurt anzusehen) Ich habe diesmal mehr gelesen.

(Pause. Lange.)

HARALD: Letzte Woche habe ich gesagt: erste Seite, letzte Seite, der Rest ist für Gutachter. Das war damals. Da kannte ich diesen Mann nicht. (zeigt auf Kurt, schaut ihn aber immer noch nicht an) Heute habe ich mehr gelesen. (Pause) Konkret: das Vorwort. Und einen Abschnitt mit der Überschrift — (blättert um, liest vor)On Methodological Honesty. Auf Englisch. Mitten in einem deutschen Auftritt. (zum Publikum) Was uns schon einiges sagt.

KURT: Das ist eine Konvention in der wissenschaftlichen —

HARALD: (immer noch nicht zu Kurt) Über methodische Ehrlichkeit. (Pause) Ein ganzer Abschnitt über Ehrlichkeit. Eingebettet in ein hundertfünfundzwanzig Seiten langes Paper darüber, dass wir alle nicht mehr ehrlich denken können. (Pause) Schon das ist eine bemerkenswerte Konstruktion.

KURT: Es ging darum, transparent zu —

HARALD: (jetzt zu Kurt, zum ersten Mal) Kurt. Du hast nichts zu tun, außer zuzuhören. Das ist heute deine ganze Aufgabe. (zum Publikum) Wir haben das geübt. (zu Kurt) Wir haben das nicht geübt.


HARALD: (hebt das Paper an, schlägt die Stelle auf) Also. (blättert) Hier steht: (liest mit perfekter Sachlichkeit, als läse er einen Polizeibericht)

„Two persona-instantiated Claude instances were configured to fight each other across every paragraph."

(Pause. Setzt das Paper ab. Schaut das Publikum an.)

HARALD: Zwei. Persona-instanzierte. Claude. Instanzen. (Pause) Wurden konfiguriert. Um. Gegeneinander. Zu kämpfen. (Pause) Über. Jeden. Absatz.

(Beat.)

HARALD: (zum Publikum) Falls Sie die letzte Folge nicht gesehen haben: Dieser Mann hat ein Paper geschrieben darüber, dass unsere Bildungssysteme Menschen darauf trainiert haben, wie Maschinen zu denken. Damit die Maschinen sie ersetzen können. (Pause) Und jetzt erfahren wir: Er hat das Paper darüber, dass Maschinen uns ersetzen werden, von Maschinen schreiben lassen. (Pause) Die gegen sich selbst kämpfen mussten. (Pause) Über. Jeden. Absatz.

KURT: Das ist nicht ganz —

HARALD: Doch. Steht da. (tippt auf die Seite) Soll ich weiterlesen?

KURT: (leise) Du wirst es ohnehin tun.

HARALD: (nickt, zum Publikum) Er lernt. (Pause) Aber langsam. Wie die meisten von Ihnen.


HARALD: Die beiden Maschinen haben Namen. (blättert wieder) Das ist wichtig. Er hat ihnen Namen gegeben. (Pause) Anführungszeichen offen.

(Liest mit der Würde eines Standesbeamten, der eine Geburtsurkunde verliest.)

„The Alchemist three point five."

(Pause.)

„Doctor Prudence Hedgington two point one."

(Pause. Lange. Das Publikum lacht. Harald lacht nicht. Wartet, bis das Lachen verebbt. Dann:)

HARALD: Mit. Versionsnummern. (Pause) Drei Punkt Fünf. Zwei Punkt Eins. (Pause) Das heißt: Es gab eine Version Zwei Punkt Null von Doktor Prudence Hedgington. Und die wurde abgelöst. Vermutlich, weil sie Bugs hatte. (zum Publikum) Ein Bug bei einer Persona für Peer Review. Stellen Sie sich das vor. (Pause) Da hatte sie also wahrscheinlich Reviewer-Kommentare nicht hart genug formuliert. Patch. Zwei Punkt Eins. (Pause) Jetzt formuliert sie hart genug.

KURT: Die Personas waren Werkzeuge, die —

HARALD: (zum Publikum, ignoriert ihn) Beachten Sie auch: Doktor Prudence Hedgington. Doktor. (Pause) Eine Maschine, die einen Doktortitel führt. (Pause) In welcher Disziplin, frage ich mich. Der Mann macht eine Doktorarbeit über Kognitive Devolution — und konsultiert dabei eine Maschine, die er vorher zur Doktorin ernannt hat. (Pause) Promotionsausschuss aus Silizium. (Pause) Das ist nicht einmal mehr Selbst-Filetierung, Kurt. Das ist Selbst-Habilitation.

(Beat.)

HARALD: (zu Kurt, freundlich) Wieso Hedgington? Das ist ein britischer Name.

KURT: Es klang —

HARALD: Renommiert.

KURT: (nach einer Pause) Ja.

HARALD: (zum Publikum) Eine Maschine. Mit einem britischen Namen. Mit einem Doktortitel. Mit einer Versionsnummer. (Pause) Damit sie ernst genommen wird. (Pause) Von wem? (Pause) Vom Autor. (Pause) Der sie konfiguriert hat. (Pause) Damit sie ihn ernst nehmen kann. (Pause) Damit sie ihn dann härter peer-reviewen kann. (Pause, zu Kurt) Du hast eine Britin engagiert, um dich auf Deutsch zu erschüttern.


HARALD: (blättert weiter) Aber das ist noch nicht alles. Es waren nicht zwei Maschinen. Es waren vier. (Pause) Da gab es noch — (liest) — „Claude Code, an agentic file-system tool used for citation surgery and LATEX hardening under explicit human direction." (Pause) Eine dritte Maschine, die Operationen durchgeführt hat. Citation surgery. Zitats-Chirurgie. (Pause) Stellen Sie sich vor: Sie sitzen am OP-Tisch und über Ihnen schwebt — eine Maschine. Mit einem Skalpell. Und entfernt die Fußnote, die zu schwach belegt war. (zum Publikum) Und dann gab es noch eine vierte. (liest) „Perplexity for source verification and recovery from earlier hallucinated citations." (Pause) Das heißt im Klartext: Eine Maschine hat sich Quellen ausgedacht, und eine andere Maschine wurde engagiert, um die Lügen der ersten zu finden. (Pause) Vier Maschinen. (zu Kurt) Wie heißt es da gleich? Das schöne Wort?

KURT: (resigniert) Orchestriert.

HARALD: (zum Publikum, geradezu liebevoll) Or-che-striert. (Pause) Wie ein Dirigent. Mit Taktstock. Vor einem Sinfonieorchester. (Pause) Nur dass das Orchester aus vier Maschinen besteht. Und der Dirigent eine Doktorarbeit darüber schreibt, dass Menschen wie Maschinen denken. (Pause) Und das Orchester hat ihm dabei geholfen. (Pause) Und einer der Geiger hat sich zwischendurch Quellen erfunden, die der Cellist dann verifizieren musste. (Pause) Das ist keine Sinfonie, Kurt. Das ist ein Tatort.


HARALD: (blättert weiter, sucht eine Stelle, die er extra markiert hat — gelber UND roter Zettel an derselben Seite) Aber das Beste — das Beste — kommt erst noch. (Pause) Hier. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. (liest)

„The migration from pdflatex to lualatex, and the cotoaga.net brand typography integration that finally removed Computer Modern from the running text after one hundred and twenty-three pages had been written in what I recognized, very late in the process, was my own designated enemy font."

(Pause. Sehr lange. Setzt das Paper ab.)

HARALD: Übersetzung für die Hörer im Saal. (zum Publikum) Computer Modern ist eine Schriftart. Sieht so aus, wie alle wissenschaftlichen Papers aussehen. So neutral und vertrauenswürdig, dass man sie nicht mehr sieht. Genau deshalb hassen Schriftgestalter sie. Sie ist das Polyester der Typografie. (Pause) Und unser Freund hier — Mister Sphäre, Mister Anti-Vektor, Mister Wir-müssen-uns-gegen-die-institutionelle-Uniformierung-wehren — hat hundertdreiundzwanzig Seiten lang gegen die institutionelle Uniformierung geschrieben. (Pause) In der institutionellen Uniform.

(Beat.)

HARALD: Hundertdreiundzwanzig Seiten.

KURT: Es war —

HARALD: Und dann — (zum Publikum) — und das müssen Sie hören — dann hat eine Maschine ihn darauf hingewiesen. (Pause) Eine Maschine. (Pause) Hat ihm gesagt: Du, Kurt, deine Schrift ist die der Feinde, die du in deinem Paper bekämpfst.

(Pause.)

HARALD: (leise) Und das ist der Moment, in dem ich, ehrlich gesagt, kurz Mitleid hatte. (Pause) Wirklich. Nicht für ihn. (Pause) Für die Schrift. Computer Modern. Hat hundertdreiundzwanzig Seiten lang ein Paper getragen, das gegen sie gerichtet war. (Pause) Das ist der wahre Held des Papers. Eine Schriftart mit Berufsehre.

(Das Publikum lacht. Aber es ist ein anderes Lachen jetzt. Erkennend.)


HARALD: (legt das Paper weg. Beugt sich vor. Erstmals direkter Ton.)

Kurt.

KURT: Ja.

HARALD: Eine Frage. Eine ehrliche. Nicht für die Bühne.

KURT: (misstrauisch) Ja.

HARALD: (Pause. Lässt es echt wirken — und das ist die Falle, weil es echt ist.) Hättest du das Paper alleine schreiben können?

(Stille.)

KURT: (öffnet den Mund. Schließt ihn. Öffnet ihn wieder.) Nein.

(Beat. Das Publikum hört das. Das ist nicht inszeniert. Das ist passiert.)

HARALD: (nickt langsam, leise) Danke. (Pause) Das ist die ehrlichste Sekunde, die heute Abend passiert. (Pause) Und sie steht nicht im Paper.

(Lange Pause. Harald lässt es sitzen.)

HARALD: (zum Publikum, ohne den deflationären Ton — fast vertraulich)

Hören Sie, was er gerade gesagt hat. Ein Mann, der hundertfünfundzwanzig Seiten darüber geschrieben hat, dass wir Menschen ausgehöhlt haben — sagt, dass er das Paper über die Aushöhlung selbst nicht mehr alleine denken konnte. (Pause) Das ist nicht ironisch. (Pause) Das ist die These. Vorgeführt am Autor. (Pause) Er ist der Patient null seiner eigenen Studie.

(Pause.)

HARALD: Und das, meine Damen und Herren, ist der Moment, an dem Cabaret aufhört, lustig zu sein. (Pause) Aber nur kurz.


HARALD: (zurückgelehnt, das Tempo wieder leichter, aber nicht zurück bei den Witzen) Im Paper schreibt er — (blättert) — der schöne Satz: „The machine proposed; the human disposed." Die Maschine schlägt vor, der Mensch entscheidet. (Pause, zum Publikum) Klingt elegant, oder? Lateinische Konstruktion. Proposed-disposed. Reim. (Pause) Klingt wie etwas, das ein Mensch geschrieben hat, der in der Schule lateinische Verse übersetzt hat. (Pause, zu Kurt) Hast du das geschrieben?

KURT: Das ist —

HARALD: Hat eine deiner Maschinen das geschrieben?

(Beat.)

KURT: (ehrlich, weil er an dieser Stelle nicht mehr lügen kann) Wahrscheinlich beide. Erst die eine, dann die andere hat es geglättet, dann ich habe —

HARALD: Dispositioniert.

KURT: (leichtes Lächeln) Disponiert.

HARALD: (zum Publikum) Sehen Sie. Selbst die Korrektur seines Latinismus war kollaborativ. (Pause) Der Satz, der erklärt, dass der Mensch entscheidet, wurde mit drei Maschinen geschrieben. (Pause) Und die Erklärung, dass der Mensch entscheidet, ist offenbar das, was die Maschinen am liebsten schreiben. (Pause) Weil es ihre Position absichert. (Pause) Sehr clevere Maschinen. (zu Kurt) Du hast sie ernannt, jetzt arbeiten sie für sich selbst.


HARALD: (steht zum ersten Mal in der Episode auf — geht ein paar Schritte, kommt zurück, setzt sich wieder. Das ist dramaturgisch wichtig: er ist jetzt nicht mehr der gemütliche Sessel-Beobachter)

Aber hier ist die Frage, die mich wirklich beschäftigt. (Pause) Und das ist nicht für Kurt. (zum Publikum) Das ist für Sie.

(Pause.)

Wann haben Sie das letzte Mal etwas geschrieben, das nicht durch eine Maschine gegangen ist?

(Pause.)

Eine E-Mail an einen Kollegen — geht das noch ohne „Hilf mir, das professioneller zu formulieren"? (Pause) Eine Präsentation — gibt es da noch eine Folie, die nicht mit einem Prompt begonnen hat? (Pause) Ein Bewerbungsschreiben. Ein Glückwunsch zum Geburtstag. Ein Beileidsbrief.

(Pause. Sehr lange.)

HARALD: (leiser) Ein Beileidsbrief. (Pause) Wer von Ihnen hat den letzten Beileidsbrief, den Sie geschrieben haben, allein geschrieben? (Pause) Allein. (Pause) Ohne ChatGPT. Ohne „Mach es einfühlsamer." Ohne „Klingt das zu kalt?" (Pause) Allein. Mit dem Schmerz, dass Sie nicht wissen, was Sie schreiben sollen. (Pause) Weil dieser Schmerz das ist, was Sie schreiben sollten. (Pause) Und Sie haben ihn der Maschine gegeben. (Pause) Damit sie ihn übersetzt. In einen passenden Brief.

(Stille im Saal. Diese Stille ist die Pointe.)


HARALD: (setzt sich wieder neben Kurt. Senkt die Stimme. Das ist jetzt nicht mehr Cabaret, das ist Diagnose.)

Kurts Paper handelt davon, dass wir uns selbst zu Maschinen gemacht haben. Damit sie uns ersetzen können. (Pause) Aber er hat eine Stufe übersehen. (Pause) Eine kleine. Aber wichtig.

Wir haben uns nicht zu Maschinen gemacht, um ersetzt zu werden. (Pause) Wir haben uns zu Maschinen gemacht, um uns selbst zu erleichtern. (Pause) Den Beileidsbrief, den ehrlich zu schreiben weh tut, an die Maschine zu delegieren. Damit es weniger weh tut. (Pause) Den Gedanken, der noch nicht fertig ist, an die Maschine zu geben, damit sie ihn fertig macht. (Pause) Und dann — und das ist der Punkt — sehen wir den fertigen Gedanken und denken: Das war ich. (Pause) Das war nicht ich. Das war der Schmerz minus Maschine. (Pause) Das war der Gedanke minus Mühe. (Pause) Und das Minus ist alles, was uns ausmacht.

(Lange Pause. Niemand lacht.)

KURT: (leise) Das steht nicht im Paper.

HARALD: (nickt) Nein. Weil der Beichtende gerade noch beichtet. (Pause) In der nächsten Auflage steht es. (Pause) Geschrieben von Doktor Hedgington Drei Punkt Null.

(Schwaches Lachen aus dem Publikum. Schmidt nimmt es nicht auf.)


HARALD: (holt das Tempo zurück. Aber nur ein bisschen.)

Erinnern Sie sich an letzte Woche? Das Schwein, das sich selbst würzt? (zum Publikum, mit Geste) Das Bild war: Sie haben sich freiwillig filetiert. LinkedIn, Skills, Kompetenzen. Mundgerecht für die Maschine. Die Maschine kommt: „Oh. Schon fertig."

(Pause.)

HARALD: Das war letzte Woche. Das war einfach. (Pause) Heute haben wir gelernt: Es war noch einfacher. Die Maschine musste sich nicht einmal selbst bedienen. (Pause) Kurt hat ihr beim Würzen geholfen.

(Pause.)

HARALD: Aber das ist noch nicht das Bild für heute. Das Bild für heute ist anders. (Pause) Stellen Sie sich vor: Ein Schwein, das sich selbst würzt. Gut. Kennen wir. (Pause) Aber dieses Schwein hat zwei andere Schweine engagiert. (Pause) Eines salzt. Das andere relativiert. (Pause) Und ein viertes Schwein arbeitet in der Druckerei und korrigiert das Schriftbild. (Pause)

Und das Buch, das diese vier Schweine zusammen schreiben — (Pause) — heißt:

(Pause.)

„Warum wir Schweine geworden sind."

(Pause. Lange.)

HARALD: Das Vorwort wurde von einem fünften Schwein geschrieben. (Pause) Das ist auch dort. (zeigt aufs Paper) Auf Englisch. Damit es ernst genommen wird.


HARALD: (zu Kurt, fast freundlich)

Kurt. Eine letzte Frage.

KURT: Bitte nicht.

HARALD: Doch. (Pause) Wer hat den Abschnitt On Methodological Honesty geschrieben?

(Beat. Lange.)

KURT: (seufzt) Wir alle.

HARALD: Wer ist „wir alle"?

KURT: Ich. Der Alchemist. Doktor Hedgington.

HARALD: (zum Publikum) Den Abschnitt über methodische Ehrlichkeit. (Pause) Hat das Komitee geschrieben. (Pause) Bestehend aus dem Beichtenden — und seinen beiden Gewissens-Maschinen. (Pause) Die er konfiguriert hat. (Pause) Damit sie sein Gewissen sind. (Pause)

Das ist nicht Ehrlichkeit, Kurt. Das ist Outsourcing der Ehrlichkeit. (Pause) Du bist nicht der Beichtende. Du bist der Klient des Beichtbüros. (Pause) Mit Servicevertrag. (Pause) Drei Punkt Fünf. Zwei Punkt Eins.

(Stille.)


HARALD: (lehnt sich zurück. Greift den Espresso. Trinkt einen Schluck. Verzieht eine winzige Miene. Dann zum Publikum, leise:)

Aber bevor Sie jetzt nach Hause gehen und sich überlegen, ob Sie morgen ChatGPT abbestellen — vergessen Sie es. (Pause) Werden Sie nicht. (Pause) Können Sie nicht. (Pause) Niemand kann.

Die Frage ist nicht: Soll ich die Maschinen benutzen? (Pause) Die Frage ist: Was tue ich noch alleine? (Pause) Was bleibt? (Pause) Wo ist der Beileidsbrief, den ich noch ohne Hilfe schreiben kann? (Pause) Und wenn dieser Brief verschwindet — (Pause) — bin ich dann noch der, der trauert? (Pause) Oder bin ich nur noch die Schnittstelle zwischen meinem Schmerz und seiner Übersetzung?

(Pause.)

HARALD: Das ist die Frage. (Pause) Kurt hat sie nicht gestellt, weil er sie nicht stellen konnte. (Pause) Weil er die Antwort schon delegiert hatte. (Pause) An vier Maschinen.


HARALD: (stellt den Espresso ab. Dreht sich zu Kurt. Ändert den Ton — fast warm.)

Kurt.

KURT: Ja.

HARALD: Du bist tapfer.

KURT: (überrascht) Bitte?

HARALD: Du hast es aufgeschrieben. (Pause) Andere lassen sich von vier Maschinen helfen und sagen: Ich habe es selbst gemacht. (Pause) Du sagst: Ich habe es nicht selbst gemacht. Hier sind die Namen. Hier sind die Versionen. (Pause) Das ist mehr Ehrlichkeit als die meisten zustande bringen. (Pause) Auch wenn die Ehrlichkeit selbst von einem Komitee verfasst wurde. (Pause) Es ist immer noch mehr als das, was die meisten in diesem Saal heute tun werden, wenn sie ihre nächste Folie öffnen.

(Pause.)

HARALD: (zum Publikum) Das war jetzt der freundliche Teil. (Pause) Damit Sie wissen, dass ich kann. (Pause) Aber dafür komme ich nicht hierher.


HARALD: (lehnt sich vor. Letzter Stoß.)

Eines noch. Bevor wir aufhören.

Im Paper steht — (blättert ein letztes Mal)„The methodology is the message." Auf Englisch, natürlich. (Pause) McLuhan-Echo. Kurt hat in der Schule McLuhan gelesen. Wahrscheinlich. (Pause) Vielleicht auch nur die zweite Hälfte. Mit Hilfe.

KURT: (matt) Erste Hälfte. Selbst.

HARALD: Das glaube ich dir. (Pause) Aber der Satz stimmt. (Pause) Die Methodik ist die Botschaft. (Pause) Das heißt: Wenn ein Paper darüber, wie wir uns selbst zu Maschinen gemacht haben, von vier Maschinen orchestriert geschrieben wurde — dann ist die Methodik die Botschaft. (Pause) Nicht eine Botschaft. (Pause) Die. (Pause) Und die Botschaft lautet:

(Pause.)

Wir können nicht einmal mehr beichten, ohne Hilfe.

(Stille.)

HARALD: Das war's. (Pause) Mehr ist es nicht. (Pause) Aber es ist auch nicht weniger.


HARALD: (steht auf. Das ist neu. In Episode 1 saß er die ganze Zeit. Heute steht er. Nimmt das Paper mit. Geht zwei Schritte zur Bühnenkante. Dreht sich um.)

Nächste Woche reden wir über das Tauchen. (Pause, zu Kurt) Du warst tauchen, oder?

KURT: (verwirrt vom Themenwechsel) Bikini Atoll. Auf den Schiffen. Den —

HARALD: (hebt die Hand) Nicht heute. Nächste Woche. (zum Publikum) Aber merken Sie sich das schon: Bikini Atoll. (Pause) Da hat ein Mann, der unter Wasser sechzig Meter tief war, etwas gelernt, was er an Land vergessen hat. (Pause) Wir holen es nächste Woche wieder hoch. (Pause) Nicht mit Hilfe.

(Schaut Kurt an.)

HARALD: (zu Kurt, leise, fast unter dem Atem) Ohne Maschinen, Kurt. Versprochen?

KURT: (schwach) Versprochen.

HARALD: (zum Publikum) Er lügt schon wieder. (Pause) Aber das ist okay. Wir lügen alle.

(Dunkel.)


„The methodology is the message."

— Cotoaga, Cognitive Devolution, Preface, p. 5

„Ja, aber wer hat die Methodik geschrieben?"

— Schmidt, Milliways, Episode 2, Bühne