3. Gang — 19–22 min · 5 Kill-Lines
Der Lebenslauf
Dramatis Personae
HARALD — Gastgeber. Dritte Woche. Der Anzug ist derselbe, die Verachtung für den Laptop ist gereift. Der Espresso steht auf dem Beistelltisch. Er wird nicht angerührt werden. Das Publikum weiß das inzwischen. Es ist ein Ritual geworden, ohne dass jemand es beschlossen hätte.
KURT — Gast. Dritte Woche. Kommt heute mit einer neuen Körperhaltung: aufrechter, gelöster, fast beschwingt. Er glaubt, heute geht es nicht um ihn. Das ist der dramaturgische Motor der Episode. Er irrt sich nicht einmal vollständig — was es schlimmer macht.
Szene
Bühne wie gehabt. Zwei Sessel, kleiner Tisch, Espresso, Wasserglas, Kurts Laptop — aufgeklappt, bevor Harald es verhindern konnte. Neu: ein dünner Stapel Papier auf Haralds Seite des Tisches. Ausgedruckte Blätter. Harald und ein Stapel Papier — das Publikum ahnt: Das ist eine Waffe.
Beide sitzen bereits. Das Licht kommt, das Gespräch hat noch nicht begonnen. Harald sieht ins Publikum. Lange.
HARALD: (zum Publikum) Letzte Woche habe ich Ihnen etwas versprochen. Eine Geschichte. Ein Mann, vierzig Meter unter Wasser, lernt etwas, das er an Land vergessen hat.
(Pause.)
HARALD: Sie kriegen die Geschichte nicht.
(Pause. Er lässt die Enttäuschung im Raum stehen. Genießt sie nicht sichtbar. Genießt sie.)
HARALD: Heute nicht. Nächste Woche auch nicht. Sie kriegen sie, wenn Sie so weit sind. (Pause) Im Moment würden Sie sie nur auf LinkedIn posten. Mit drei Learnings am Ende. „Was mir vierzig Meter Wassertiefe über Leadership beigebracht haben." (Pause) Nein.
KURT: Das war eigentlich —
HARALD: Ich weiß, was es eigentlich war. Deswegen kriegen sie es noch nicht. (zum Publikum) Heute reden wir über ein Dokument. Sie haben es alle. Sie haben es alle zu Hause gelassen, und trotzdem haben Sie es dabei. (Pause) Der Lebenslauf. (Pause) Das einzige Dokument, in dem Menschen freiwillig aufschreiben, was von ihnen übrig ist.
(Stille. Erster Riss im Abend.)
KURT: (rückt nach vorn, sichtlich gut gelaunt, öffnet ein Fenster auf dem Laptop) Ich habe dazu Material vorbereitet, weil das tatsächlich einer der am besten dokumentierten Bereiche ist. Rekrutierungssysteme, Vorfilterung, Kompetenz—
HARALD: (beobachtet ihn) Du bist heute anders.
KURT: Wie anders?
HARALD: Entspannt. (Pause) Du glaubst, heute geht es nicht um dich.
KURT: Es geht um Rekrutierungssysteme.
HARALD: Es geht um alle. Das schließt dich ein. (Pause) Freu dich nicht zu früh. Vor zwei Wochen saßst du da, wo heute das Publikum sitzt. Bildlich.
KURT: (kleiner Rückzug, aber die Laune bleibt) Verstanden.
HARALD: (nimmt das oberste Blatt vom Stapel. Setzt keine Brille auf. Liest trotzdem betont langsam.) „Sachbearbeiter Rechnungsprüfung — m, w, d. Wir suchen: eine Persönlichkeit mit Leidenschaft für die Prüfung von Eingangsrechnungen."
(Er legt das Blatt ab. Sieht ins Publikum.)
HARALD: Leidenschaft. (Pause) Für Eingangsrechnungen.
(Lacher. Er wartet, bis er vorbei ist.)
HARALD: Irgendwo sitzt ein Mensch, der das geschrieben hat. Das ist die eine Hälfte der Tragödie. Die andere: Irgendwo sitzen dreihundert Menschen, die darauf geantwortet haben. Schriftlich. „Sehr geehrte Damen und Herren. Die Prüfung von Eingangsrechnungen ist meine Leidenschaft."
(Pause.)
HARALD: Und keiner von den dreihundert hat gelogen, als er es abgeschickt hat. Das ist der Teil, über den wir heute reden.
HARALD: Kurt. Du machst diese Dinger. Workshops. Für Leute, die ihre Stelle verloren haben.
KURT: Newplacement. Ja. Früher hieß es Outplacement, aber das klang nach —
HARALD: Nach dem, was es ist.
KURT: ...Ja. (Pause) Es gibt da eine Übung, ganz am Anfang. Die Leute sollen sich vorstellen. Ohne Jobtitel. Ohne Firmennamen. Einfach: Wer sind Sie? (Pause) Ich hatte einen Teilnehmer, Ende fünfzig, sein Leben lang beim selben Zulieferer. Der hat lange nachgedacht. Wirklich lange. Und dann hat er gesagt: „Ich habe vierzig Jahre lang zuverlässig geliefert."
(Pause.)
KURT: Das war alles. Es kam nichts mehr. Nicht, weil er nicht wollte. Es war nichts mehr da, was er hätte sagen können, ohne den Jobtitel zurückzuholen.
HARALD: (ruhig) „Ich habe vierzig Jahre lang zuverlässig geliefert." (Pause) Das ist kein Mensch. Das ist ein Beipackzettel.
(Beat. Kein großer Lacher. Ein unangenehmer.)
HARALD: Und bevor hier jemand über den Mann lacht: Der Mann hat nichts falsch gemacht. Der Mann hat vierzig Jahre lang exakt das getan, was man von ihm wollte. Er hat die Frage nur so beantwortet, wie das System sie vierzig Jahre lang gestellt hat. (zum Publikum) Beantworten Sie die Frage mal. Jetzt. Im Kopf. Wer sind Sie — ohne Titel, ohne Firma, ohne „verantwortlich für". (Pause) Ich warte nicht. Ich sehe es auch so.
KURT: Das ist historisch übrigens hochinteressant, weil das direkt auf die Kompetenzrahmen zurückgeht. Die kommen aus der Berufspädagogik der Siebziger. Die Grundidee war, Fähigkeiten vergleichbar zu machen. Portabel. Dekontextualisiert. Man wollte den Menschen vom Arbeitsplatz entkoppeln, damit —
HARALD: Kurt.
KURT: Ja?
HARALD: Vergleichbar. Portabel. Dekontextualisiert. (Pause) Du beschreibst gerade dein eigenes Profil.
(Stille.)
KURT: ...Das ist mir bewusst.
HARALD: Seit wann?
KURT: (Pause) Seit gerade.
HARALD: (zum Publikum) Deswegen lade ich ihn ein.
HARALD: (lehnt sich zurück, gemächlich — der Gang runtergeschaltet) Wissen Sie, wie eine Stellenanzeige aussah, als ich jung war? (Pause) „Buchhalter gesucht. Meldung im Personalbüro." (Pause) Das war alles. Und es war alles drin. Man wusste: Die suchen einen Buchhalter, und man muss sich melden. Zwei Informationen, beide korrekt. (Pause) Das war das letzte Mal, dass eine Stellenanzeige vollständig wahr war.
(Er lässt den Satz liegen. Keine Pointe. Weiter.)
HARALD: Kurt. Wer liest heute einen Lebenslauf? Als Erstes?
KURT: In den meisten größeren Unternehmen: ein System. Bewerbermanagement-Software. Die Bewerbungen werden geparst — also maschinell gelesen, zerlegt, nach Schlüsselwörtern durchsucht, gegen ein Anforderungsprofil abgeglichen. Vorsortiert. Ein Mensch sieht in der Regel nur, was das System durchlässt.
HARALD: Also schreibt man den Lebenslauf für die Maschine.
KURT: Man optimiert ihn für —
HARALD: Für die Maschine.
KURT: (Pause) Ja.
HARALD: (zum Publikum) Und jetzt die Frage, die den Abend trägt: Wer hat Ihnen das beigebracht? (Pause) Denken Sie nach. Es gab keinen Kurs. Keine Rundmail. Niemand hat gesagt: Ab Dienstag schreiben Sie bitte für den Parser. (Pause) Sie haben es gemerkt. Nebenbei. So wie man merkt, dass man im Restaurant leiser redet, wenn die Teller teurer werden. Sie haben die Vorlieben einer Software gelernt — welche Wörter sie mag, welche Reihenfolge, welches Dateiformat. Freiwillig. Ohne Anweisung. (Pause) Und Sie nennen es: sich gut verkaufen.
(Beat.)
HARALD: Womit wir beim Verkauf wären. Erinnern Sie sich an das Schwein? Aus der ersten Woche. Das Schwein, das sich selbst würzt. (Pause) Das Schwein hat inzwischen dazugelernt. Es würzt sich nicht mehr nur. Es hat sich zerlegt und die Teile einzeln ausgezeichnet. Gehen Sie auf so ein Profil: Fähigkeiten, sauber gelistet, wie an der Frischetheke. Excel — sehr gut. Verhandlungssicher. Teamfähig. Zweiunddreißig Kollegen haben es bestätigt, davon kennen Sie vier. (Pause) Das ist keine Selbstdarstellung mehr. Das ist eine Auslage.
KURT: Im Paper nenne ich das Selbst-File—
HARALD: Ich weiß, wie du es nennst. Ich bin noch nicht fertig. (Pause) Es gibt da nämlich noch den grünen Ring. „Open to Work." Der grüne Kreis ums Gesicht. (Pause) Wissen Sie, was das an der Frischetheke ist? (Pause) Das Reduziert-Schild.
(Lacher. Er lässt ihn nicht ausklingen — er schneidet ihn ab.)
HARALD: Sie lachen. Ein Drittel von Ihnen hatte den Ring schon mal an. Ich urteile nicht. Die Theke urteilt.
HARALD: (nimmt das nächste Blatt) Zweites Fundstück. „Junior Developer. Anforderungen: mindestens fünf Jahre Berufserfahrung mit —" (er nennt es betont beiläufig) „— einer Technologie, die es seit drei Jahren gibt."
(Pause. Er sieht hoch.)
HARALD: Das ist kein Tippfehler. Das ist ein Test. (Pause) Es meldet sich nur, wer bereit ist, sofort zu liefern, was verlangt wird. Egal, ob es existieren kann.
KURT: Und die Gegenseite weiß das. Es gibt inzwischen ein etabliertes Wettrüsten: Die Bewerber optimieren ihre Unterlagen mit KI-Werkzeugen. Auf die Anzeige hin, Wort für Wort. Und die Unternehmen rüsten die Filter nach, weil plötzlich alle Bewerbungen perfekt passen. Also verschärfen sie die Kriterien, also optimieren die Bewerber schärfer —
HARALD: Moment. (Pause) Langsam. Für die Menschen im Raum, die noch welche sind. (Pause) Der Bewerber lässt eine Maschine schreiben. Die Firma lässt eine Maschine lesen. (Pause) Da verhandeln zwei Maschinen miteinander. Über Sie. (Pause) Und Sie hängen dran. Als Anhang. (Pause) Wörtlich. Sie sind das PDF.
(Stille, dann Lachen — das Lachen, das eine Sekunde zu spät kommt, weil es erst schlucken musste.)
HARALD: (trocken, ohne Aufhebens) In Kalifornien verklagt übrigens gerade ein Mann eine Software. Nicht die Firma. Die Software. Über hundert Bewerbungen, über hundert Absagen, kein Mensch hat je eine davon gesehen. Das Gericht hat die Klage zugelassen — gegen den Hersteller der Software. (Pause) Das Gericht hat also begriffen, wer hier entscheidet. Schneller als die Personalabteilungen.
KURT: Das ist im Grunde ein thermodynamisches Problem. Die Systeme extrahieren Legibilität aus —
HARALD: (hebt eine Hand, zählt an den Fingern) Kompetenzrahmen. (zweiter Finger) Thermodynamik. (Pause) Es sind immer vier, Kurt. Zwei hast du noch. Teil sie dir ein, der Abend ist lang.
KURT: (setzt neu an) Die Griechen —
(Harald sieht ihn nur an. Nichts weiter. Drei Sekunden.)
KURT: — sind heute nicht wichtig.
HARALD: (zum Publikum) Er lernt. Langsamer als die Software. Aber er lernt.
HARALD: Und dann gibt es noch das andere Wort. Das Wort für die Gegenrichtung. (Pause) Overqualified. (Pause) Übersetzt heißt das: Wir haben eine Stelle in Pfeilform, und Sie sind rund. Kommen Sie wieder, wenn Sie sich zugeschliffen haben. (Pause) Merken Sie sich das Wort. Es kommt wieder. Nicht heute.
KURT: Die Titel gehen übrigens den umgekehrten Weg. Je austauschbarer die Tätigkeit, desto länger wird die Zeile darüber. Senior Vice President of. Head of. Lead. Evangelist.
HARALD: Im Internet kursiert Darth Vaders LinkedIn-Profil. Siebenundzwanzig Titel. CEO von zwei Todessternen, Thought Leader, Influencer im Bereich Atemtechnik. (Pause) Tatsächliche Position: Assistent vom Imperator.
(Lacher.)
HARALD: Sie lachen über den Helm. Lachen Sie über die Zeile. Und dann prüfen Sie nachher Ihre eigene.
(Harald nimmt den restlichen Stapel. Blättert. Langsamer als nötig. Das Tempo der Szene sinkt spürbar — hier beginnt der stille Teil.)
HARALD: Mir ist beim Lesen etwas aufgefallen. Nicht an den Anzeigen. An den Lebensläufen. Ich habe mir welche geben lassen. Anonym, keine Sorge — Ihrer war nicht dabei. Wahrscheinlich. (Pause) Mir ist die Grammatik aufgefallen.
(Er liest, sehr ruhig, ohne jede Betonung:)
HARALD: „War verantwortlich für." (Pause) „Wurde betraut mit." (Pause) „Wurde eingesetzt in." (Pause) „Einsatz erfolgte im Rahmen von."
(Er legt die Blätter ab.)
HARALD: Das ist Passiv. Durchgehend. (Pause) Das ist die Sprache von jemandem, mit dem etwas gemacht wurde. Vierzig Jahre Berufsleben auf zwei Seiten, und kein einziger Satz, in dem ein Ich irgendetwas gewollt hat.
(Pause. Leiser:)
HARALD: Und das Erschütternde ist nicht, dass es da so steht. Das Erschütternde ist: Es hat niemand hineinredigiert. Sie haben das selbst geschrieben. Jeder hier. Sie haben sich selbst ins Passiv gesetzt. (Pause) Freiwillig. In der Ich-Form hätte es ja niemand geparst.
(Stille. Keine Pointe. Kurt sieht auf seinen Laptop. Klappt ihn zu. Es ist das erste Mal in drei Wochen, dass er das von sich aus tut. Harald registriert es, kommentiert es nicht.)
KURT: (nach einer Weile, leise, ohne Berater-Ton) Man könnte jetzt natürlich sagen, dass —
HARALD: Könnte man. Machen wir nicht. (Pause) Nächste Woche reden wir über die Medaillen. Zertifikate. Urkunden. Alles, was man sich an die Brust heften kann. Bringen Sie Ihre ruhig mit. Alle. Wir haben Platz.
(Pause. Dann, als wäre es ihm gerade eingefallen, nimmt er das letzte Blatt vom Stapel.)
HARALD: Ach so. Eins noch.
(Er liest. Vollständig. Deadpan. Keine Betonung, keine Blicke ins Publikum. Wie ein Nachrichtensprecher, dem man den Strom abgedreht hat und der trotzdem weitermacht.)
HARALD: „Mitarbeiter — m, w, d — Kundenservice, zunächst befristet. Ihre Aufgaben: eigenverantwortliche Bearbeitung standardisierter Vorgänge. Ihr Profil: abgeschlossenes Studium oder vergleichbare Qualifikation, mindestens drei Jahre einschlägige Berufserfahrung, sicherer Umgang mit den gängigen Systemen, Hands-on-Mentalität, Belastbarkeit, Leidenschaft für exzellenten Service, Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterentwicklung. Wir bieten: ein dynamisches Umfeld, flache Hierarchien, Obstkorb. Bitte laden Sie Ihren Lebenslauf als maschinenlesbares PDF in unser Bewerberportal hoch. Aus technischen Gründen können postalische Bewerbungen nicht berücksichtigt werden."
(Er legt das Blatt auf den Stapel. Richtet die Kante aus. Sieht ins Publikum.
Sagt nichts.
Fünf Sekunden. Das ist sehr lang.)
DUNKEL.
„The systems select for legibility over validity."
— Cotoaga, Cognitive Devolution, Implications
„In der Ich-Form hätte es ja niemand geparst."
— Schmidt, Milliways, Episode 3, Bühne