Aperitif — 7 min
Das interessiert keine Sau
Dramatis Personae
HARALD — Ende fünfzig, könnte auch siebzig sein, die Art Mann, bei dem Alter aufhört, eine relevante Kategorie zu sein, weil die Haltung alles überschreibt. Hat mehr gelesen als die meisten Professoren, gibt sich wie jemand, der seit 1997 nichts mehr gelesen hat. Klassische Bildung, die er trägt wie andere Leute ein altes T-Shirt — nicht zum Zeigen, sondern weil es das bequemste Kleidungsstück im Schrank ist. War mal im Fernsehen. War da der Einzige, der live denken konnte, und das Publikum hat es für Unterhaltung gehalten. Sein Verfahren: Beobachtung schlägt Argument. Immer. Ein Satz reicht. Wenn er zwei braucht, war der erste schlecht. Espresso, kein Milchschaum, die Tasse als Taktstock. Lacht selten, und wenn, dann über etwas, das noch niemand sonst als komisch erkannt hat. Sein gefährlichster Moment ist die Stille nach dem Witz — wenn das Publikum merkt, dass es nicht nur lustig war.
KURT COTOAGA — Berater, Autor, Diagnostiker, und der Mensch, der vierzig Seiten braucht, um zu sagen, was Harald in einem Satz sagt. Das ist kein Mangel — es ist die Tragik des Mannes, der den Mechanismus zeigen muss, während Harald ihn einfach sieht. Hat das Paper geschrieben, um das es heute geht. Weiß, dass er auf der Bühne das Exponat ist: der kluge Berater, der die Krankheit diagnostiziert, die er selber hat. Trägt den Laptop wie andere Leute einen Verbandskasten — für den Notfall, und der Notfall ist immer. Redet zu schnell, zitiert zu viel, hat zu oft recht auf eine Art, die niemandem hilft. Haralds Lieblingsopfer, weil Kurt der Einzige ist, der versteht, warum er verliert — und trotzdem wiederkommt.
Szene
Backstage. Ein Tisch, der schon bessere Produktionen gesehen hat. Zwei Stühle. HARALD sitzt, Espresso, Telefon mit dem Bildschirm nach unten, die Haltung eines Mannes, der die nächsten zwanzig Minuten bereits als Verlust verbucht hat. KURT kommt rein, Laptop unter dem Arm, die spezifische Energie eines Menschen, der glaubt, dass diesmal — diesmal — das Argument zieht.
KURT: Harald.
HARALD: Nein.
KURT: Ich hab noch gar nichts gesagt.
HARALD: Du hast den Laptop dabei. Wenn du den Laptop dabei hast, willst du mir was zeigen. Wenn du mir was zeigen willst, ist es eine Präsentation. Wenn es eine Präsentation ist, hat sie mehr als zehn Folien. Und wenn sie mehr als zehn Folien hat, interessiert es keine Sau.
KURT: Es ist keine Präsentation.
HARALD: Dann ist es ein Paper.
KURT: (öffnet den Laptop)
HARALD: Schlimmer als eine Präsentation. Präsentationen sind wenigstens nach zwanzig Minuten vorbei. Ein Paper stirbt nie. Es wird nur immer länger und von immer weniger Leuten gelesen.
KURT: Es geht um etwas, das jeden im Publikum betrifft. Jeden einzelnen.
HARALD: (Espresso) Das sagen alle. Der Letzte, der mir das gesagt hat, hatte ein Paper über Blockchain in der kommunalen Abfallwirtschaft.
KURT: Die These ist, dass wir Menschen — systematisch, über ein Jahrhundert — so ausgebildet haben, dass sie wie biologische KI-Systeme funktionieren. Und jetzt kommen die Silizium-Versionen und fordern ihr Erbe ein.
HARALD: (Pause. Stellt die Tasse ab. Nimmt sie wieder hoch.) ... Was soll das heißen, "ihr Erbe"?
KURT: Dass die KI nicht kommt, um uns zu ersetzen. Sondern um zu übernehmen, was wir aus uns gemacht haben. Wir haben die Stelle ausgeschrieben. Seit hundert Jahren. Standardisiert, modularisiert, messbar — und jetzt bewirbt sich jemand, der das besser kann. Und das Paper zeigt, wie wir das gemacht haben. Nicht weil wir dumm sind, sondern weil wir ein System gebaut haben, das —
HARALD: Wie lang?
KURT: Was?
HARALD: Das Paper. Wie viele Seiten.
KURT: Das ist nicht der —
HARALD: Wie. Viele. Seiten.
KURT: (Pause) ... Vierzig. Aber —
HARALD: Vierzig.
KURT: Ohne Appendix.
HARALD: (stellt den Espresso ab) Vierzig Seiten. Ohne Appendix. Für ein Publikum, das die Aufmerksamkeitsspanne eines mittleren Goldfisches hat, wenn er unter Zeitdruck steht. Was ist die These? Ein Satz.
KURT: Das geht nicht in einem Satz.
HARALD: Dann ist es keine These. Dann ist es ein Zustand.
KURT: Okay. Okay, pass auf: Es gibt eine Extraction-Investment-Asymmetrie, bei der Institutionen kognitive Fähigkeiten als Lagerbestand behandeln statt als —
HARALD: Du hast es vorhin gesagt. Bevor du angefangen hast, es zu erklären.
KURT: Was hab ich —
HARALD: Die Silizium-Versionen erben, was wir aus uns gemacht haben. Dein erster Satz war besser als alles, was danach kam. Das ist übrigens immer so. Bei allen.
(Pause.)
KURT: ... Das ist der Satz, ja.
HARALD: Warum brauchst du dann vierzig Seiten?
KURT: Weil man den Mechanismus zeigen muss. Die Extraktion-Investment-Asymmetrie —
HARALD: Die was?
KURT: Institutionen behandeln kognitive Fähigkeiten als Lagerbestand, den man erntet, statt als Hochenergiezustand, den man —
HARALD: Kurt.
KURT: — aufrechterhalten muss —
HARALD: Kurt. Hör auf. Du hast gerade gesagt: "Hochenergiezustand, den man aufrechterhalten muss." Weißt du, was das ist? Das ist ein Satz, den du auf einer Konferenz sagst, und danach nicken dreißig Leute, die alle was anderes verstanden haben. Und alle fühlen sich schlau. Und keiner ändert was. Sag es in Deutsch.
KURT: (Pause) ... Raubbau. Firmen betreiben Raubbau an dem, was ihre Leute können. Und wundern sich dann, dass nichts mehr nachwächst.
HARALD: Siehst du. Raubbau. Ein Wort. Warum steht in dem Paper "Extraction-Investment-Asymmetrie"?
KURT: Weil es ein akademisches —
HARALD: Weil es ein akademisches Paper ist. Genau. Und weißt du, was in akademischen Papers passiert? Klare Gedanken gehen rein, und "Extraction-Investment-Asymmetrien" kommen raus. Das ist — ich sag dir, was das ist: das ist Raubbau an Klarheit. Dein Paper über Raubbau betreibt Raubbau. An sich selbst. (zum imaginären Publikum) Er versteht es nicht.
KURT: Ich verstehe es sehr wohl. Aber du kannst nicht vierzig Seiten Mechanismus-Analyse in —
HARALD: Was noch. Was steht noch drin. Sag mir die Schlüsselwörter.
KURT: (seufzt) Thermodynamisches Framing. Sphäre-Vektor-Modell. Bekenntnis-Literatur als methodische —
HARALD: Stopp. Thermodynamik?
KURT: Als analytische Einschränkung, nicht als —
HARALD: Für ein Business-Publikum?
KURT: Es ist kein physikalischer Anspruch, es ist ein —
HARALD: Kurt. Ich habe Programmdirektoren erlebt, die kriegen Hautausschlag, wenn sie das Wort "Entropie" hören. Die denken, das ist eine Automarke. Und du willst denen Thermodynamik verkaufen?
KURT: Ich will denen gar nichts verkaufen. Ich will zeigen, dass —
HARALD: Und dieses Sphäre-Ding. Sphäre-Vektor. Klingt wie ein Physik-Proseminar nach dem dritten Bier.
KURT: Das Bild ist einfach. Ein Mensch ist eine Kugel. Unendlich viele Richtungen. Widersprüche. Tiefe. Und das System schleift ihn zu einem Pfeil. Eine Richtung. Messbar. Beförderbar. Kompatibel. Tot, aber exzellent auf Folien.
(Stille.)
HARALD: (Espresso, langsam) ... Kugel zu Pfeil.
KURT: Kugel zu Pfeil. Und dann kommt die KI und sagt: Oh, ihr seid ja schon Pfeile. Dann kann ich das auch. Schneller. Günstiger. Ohne Mittagspause.
HARALD: ... Und das steht in dem Paper?
KURT: Auf vierzig Seiten mit Thermodynamik. Ja.
HARALD: (kurzes Schnauben, das bei Harald als Lachen gilt)
(Pause.)
HARALD: Es ist trotzdem zu lang. Zu akademisch. Kein Mensch liest vierzig Seiten. Kein Mensch in meinem Publikum. Weißt du, was die lesen? LinkedIn-Posts. Mit einem "Insight" pro Absatz und einem Emoji am Ende. Mach das doch. Drei Key Takeaways, eine Infografik, und am Ende: "Agree? 🚀"
KURT: (ruhig) Du willst also, dass ich ein Paper darüber, wie Systeme komplexe Fähigkeiten in messbare Einzelteile zerhacken — in messbare Einzelteile zerhacke.
HARALD: Ich will, dass es funktioniert. Für ein Publikum. Das ist mein —
KURT: Drei Bullet Points. Executive Summary. Kernthese auf eine Folie.
HARALD: Ja! Genau! Ist das zu viel —
(Harald hört sich selbst.)
(Die Hand mit dem Espresso bleibt in der Luft.)
(Drei Sekunden. Fünf.)
HARALD: (stellt den Espresso sehr langsam ab)
(Stille.)
KURT: (macht den Mund auf)
HARALD: Sag. Nichts.
(Pause.)
KURT: Ich —
HARALD: Ich habe gesagt: nichts.
(Harald steht auf. Geht zwei Schritte. Kommt zurück. Setzt sich.)
HARALD: (leise, mehr zu sich) ... Das Schwein, das sich selbst würzt.
KURT: Was?
HARALD: (lauter, geschäftsmäßig) Dein Paper. Die Kugel, die zum Pfeil geschliffen wird. Weißt du, was das auch ist? Ein Schwein. Ein Schwein, das in die Küche geht, sich das Rezept anschaut und sagt: Ah, interessant, Rosmarin, gute Wahl. Und dann den Rosmarin selber draufstreut. Weil es Exzellenz zeigen will. Weil es proaktiv sein will. Weil es auf dem Performance Review steht: "Hat Würzung eigeninitiativ übernommen."
KURT: (leise) Das ist ziemlich genau das, was —
HARALD: Ich weiß. Nur ohne die vierzig Seiten.
(Pause.)
HARALD: Und ich hab's gerade selber gemacht.
(Das ist kein Geständnis. Das ist eine Feststellung. Wie ein Chirurg, der sagt: Schnitt sitzt drei Millimeter zu weit links. Und dann weitermacht.)
KURT: Und? Was heißt das jetzt?
HARALD: Das heißt, dass es offenbar funktioniert. Dein bescheuertes Paper.
KURT: Also machen wir's?
HARALD: Wir machen's. (steht auf) Aber hör mir zu. Keine Thermodynamik. Kein "Extraction-Investment" irgendwas. Kein einziger Satz, bei dem das Publikum denkt, es braucht einen Master, um ihn zu verstehen. Du gibst mir die Kugel und den Pfeil. Du gibst mir das Schwein und den Rosmarin. Und ich mach den Rest.
KURT: Und das Paper?
HARALD: Das Paper liefert mir die Munition. Aber es kommt nicht auf die Bühne. (geht zur Tür, dreht sich um) Ein Paper ist ein Gedanke, der so lange verfeinert wurde, bis ihn niemand mehr versteht. Und dann nennt man das "peer-reviewed."
(Ab.)
KURT: (allein, zum Laptop, klappt ihn zu)
(Stille.)
KURT: (leise) Er hat das Bild in dreißig Sekunden gebaut, für das ich vierzig Seiten gebraucht habe.
(Beat.)
KURT: (noch leiser) Und er wird es nie zugeben, dass er die vierzig Seiten dafür gebraucht hat.
(Blackout.)